500 Jahre Reformation – Aufbruch zur Freiheit

Wissenschaftskongress in Wittenberg

Vielfältige Wirkungen der Reformation

Die Reformation hatte zunächst religiöse Motive. Sehr rasch löste sie aber auch tiefgreifende Veränderungen weit über Kirche und Religion hinaus aus. Ein Kongress in Wittenberg geht der Frage nach, wie die Reformation Gesellschaft und Kultur in Europa und weltweit prägte.

Fünf Tage lang beschäftigen sich rund 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Wittenberg mit den "Kulturellen Wirkungen der Reformation". Der internationale Kongress ist Teil der Veranstaltungen, die von der Bundesregierung anlässlich des Reformationsjubiläums unterstützt werden und steht unter der Schirmherrschaft von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka.

Zur Eröffnung des Kongresses in der Wittenberger Schlosskirche wurden die Teilnehmenden vom Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Thomas Rachel, begrüßt. Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör hießen sie willkommen. Den Eröffnungsvortrag hielt der Rektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Udo Sträter.

Bezug zu heute im Fokus

Im Mittelpunkt des Kongresses steht die Frage, "wie die kulturellen Spuren der globalen Ausbreitung der Reformation zu lesen sind und wie der Bezug zu heute ist", so Thomas Rachel bei der Eröffnung des Kongresses. Er betonte, dass sich diese Spurensuche nicht nur auf die Religion selbst beschränke.

Die vielfältigen Bereiche, in denen die Reformation Veränderungen angestoßen hat, werden von den Wissenschaftlern aus mehreren Blickpunkten heraus beleuchtet. Welche Wirkungen hatten die Reformationen des 16. Jahrhunderts aufeinander? Welche Wechselwirkungen gab es mit ihrem kulturellen Umfeld? In welchem Zusammenhang stehen heutige Kulturphänomene mit der Reformation und ihrer Rezeption?

Neben den Wirkungen in der Religion widmet sich der Kongress dabei auch Bereichen, in denen die Zusammenhänge mit der Reformation nur mittelbar oder schwer bestimmbar sind – etwa mit Blick auf Kunst und Medien, Politik und Rechtsprechung oder Wissens- und Lebensformen.

Reformation als Grundstein eines neuen Bildungsethos

Rachel unterstrich gegenüber den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beispielhaft den von der Reformation ausgehenden Bildungsimpuls. Zahlreiche Ausbildungseinrichtungen seien in Folge der Ereignisse im 16. Jahrhundert neu gegründet oder neu aufgestellt worden. Luther und Mitstreiter wie Philipp Melanchthon hätten dafür die Initialzündung gegeben.

Exemplarisch für die über die religiöse Sphäre hinaus gehende Wirkung stehe die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, so Rachel. Sie prägte die Herausbildung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache. Zudem habe sie weiten Teilen der Bevölkerung Zugang zu Bildung eröffnet.

Mit der Bibelübersetzung sowie dem Kleinen wie Großen Katechismus habe Luther einen wichtigen Grundstein für ein neues Bildungsethos gelegt, so der Staatssekretär. Die Menschen sollten in ihrer eigenen Urteilsfähigkeit gestärkt und befähigt werden, ihre Überzeugungen zu reflektieren. Mehr noch: Bildung und Kultur wurden zum Schlüssel, um Verantwortung für das eigene Leben, aber auch die Gestaltung der geistlichen wie weltlichen Sphäre zu übernehmen.

Wissenschaftspreis verliehen

Die Organisation der interdisziplinären Tagung liegt gemeinsam bei den Universitäten Leipzig, Jena und Halle-Wittenberg. Das vielfältige Programm beinhaltet neben Vorträgen und Diskussionen auch einen Empfang der mitteldeutschen Landesuniversitäten in der Stiftung LEUCOREA. Zudem wird dem Tübinger Theologe Michael Becker der Wissenschaftspreis des Wissenschaftlichen Beirats "Reformationsjubiläum 2017" verliehen.

Der Beirat rief bereits im vergangenen Jahr jüngere Wissenschaftler dazu auf, sich mit dem Beitrag des Protestantismus "zur Formierung der westlichen Zivilisation" auseinandersetzen. Beckers Schrift zum "Kriegsrecht im frühneuzeitlichen Protestantismus" wurde von der Jury als überzeugendste Arbeit gewertet.

Freitag, 11. August 2017